Sterbehilfe

Entsetzen! Das Grauen findet auch in Deutschland statt! Barmherzigkeit jenseits des Kirchenrechts!Der Vize-Vorsitzende des Sterbehilfevereins Dignitas, Uwe-Christian Arnold, hat gegenüber der taz bestätigt, einer unsäglich leidenden Frau einen Tipp gegeben zu haben, wie sie ihrem Leben ein selbstbestimmtes Ende setzen kann. "Verrat am Ärztestand!", "Werteverfall", schallt es aus allen Ecken der Republik. Dabei ist der Fall doch recht offensichtlich: einer Person, die leidet und nicht mehr weiterleben will, Informationen zu geben, wie sie das Leiden beenden kann, ist ein Akt der Barmherzigkeit.

Viele Menschen sehen das offenbar anders. Zum Beispiel bezeichnete der Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe das Vorgehen des Mediziners als "ethisch problematisch". Interessant wäre es, zu erfahren, inwiefern Hoppe das Leidenlassen ethisch rechtfertigen kann. Der Tod ist nicht für alle Menschen das schlimmste aller Übel.

Es geht darum, dass Menschen, die sterben wollen, die also bereits entschieden haben, dass der Tod besser ist als weiterzuleben, dass diese Menschen die Möglichkeit bekommen, auch diesen letzten Schritt in Würde gehen zu können. Insofern meine ich, ist Sterbehilfe (auch die aktive), durch Art.1 Des Grundgesetzes geschützt.

Vielfach wird (z.B. von Herrn Hoppe) die Befürchtung ins Spiel gebracht, dass alte Menschen sich genötigt fühlen könnten, sich zu töten, um niemandem mehr zur Last zu fallen. Das ist bisher das beste Argument der Gegner der Sterbehilfe, das ich gehört habe und auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Sicher ist es so, dass die Pflege alter Menschen eine Last, eine Belastung für die Nachkommen sein kann. Aber eine Belastung, die nur diejenigen Nachkommen auf sich nehmen, die das aus Liebe oder einem Verantwortungsgefühl heraus tun. Der Rest lässt die Alten entweder verwahrlosen oder schiebt sie ins Heim ab. Und selbst wenn es dennoch so wäre, dass sich manche Leute unter Druck gesetzt fühlen, sich umzubringen, darf das - so hart das sein mag - nicht dazu führen, dass anderen Menschen die Möglichkeit auf einen würdevollen Tod genommen wird.

Gelegentliche Vergleiche zwischen Sterbehilfe und dem "Euthanasie"-Programm der Nazis verbieten sich eigentlich von selbst. Niemand hat das Recht für jemand anderen zu entscheiden, was lebenswertes Leben ist und was nicht. Aber das fordert ja auch Niemand. Die Entscheidung, ob das eigene Leben noch lebenswert ist, oder eben nicht, kann nur die betroffene Person selbst treffen. Das ist der zentrale Punkt bei der moralischen Bewertung, und genau das haben die Nazis, wie wir alle wissen, anders gehandhabt. Vergleiche mit den Nazis stellen also nur Versuche dar, die Gegner im Diskurs über die Sterbehilfe zu diskreditieren.

Verraten Ärtzte ihren Beruf, wenn sie Sterbehilfe leisten? Ich glaube nicht. Natürlich haben Ärzte die Aufgabe das Leben zu schützen und zu erhalten. Aber doch nicht gegen den ausdrücklichen Willen des Patienten! Ärzte sind zuförderst Dienstleister am Patienten. Und wenn der Patient nicht mehr leben will, darf der Arzt das Leben auch nicht verlängern.

Andererseits sind die Ärzte auch die logischen Ansprechpartner, wenn es um Sterbehilfe geht. Idealerweise sind sie Vertrauenspersonen für die Patienten. Oft kennen Ärzte die Patienten besser als selbst nahe Angehörige. Das ermöglicht es den Ärzten auch, zu erkennen, ob der Wunsch zu sterben ernsthaft gefasst ist, oder nur ein Hilferuf. Wenn der Arzt zur Überzeugung gelangt, dass der Patient nicht ernsthaft sterben will, dann soll er dem Patienten natürlich auf andere Weise helfen. Nicht jeder spontane Entschluss sterben zu wollen, sollte ernst genommen werden (sonst würde kaum jemand die Pubertät überleben) - aber es gibt Fölle, in denen der Entschluss zu sterben ernsthaft gefasst wurde. Und hier sollte dem Patienten geholfen werden. Aufgrund ihrer Ausbildung sind die Ärzte auch hier die passenden Ansprechpartner: sie kennen Möglichkeiten, das Leben zu beenden, ohne unnötiges Leid zu verursachen.

Nur ca. 10% der ernsthaften Suizidversuche sind erfolgreich. Viele der Versuche ziehen aber schwere Folgeschäden nach sich, die den Betroffenen das Leben noch unerträglicher machen, es ihnen aber oft verunmöglichen, sich selbstständig das Leben zu nehmen. Der Ärtzliche Auftrag Leid abzuwenden greift auch hier! Durch professionell durchgeführte Sterbehilfe wird auch das Risiko, noch mehr Leid ertragen zu müssen, gesenkt.

Ich fordere nicht dazu auf, dass Ärzte am Fliessband Sterbehilfe leisten sollen. Die Entscheidung zu sterben ist unwiederruflich und sollte deshalb wohlüberlegt sein. Aber genau wie es die Schwangerenberatung vor einer Abtreibung gibt, könnte es eine (ergebnissoffene!) Beratung vor der Sterbehilfe geben.

Mir ist auch bewusst, dass viele Menschen (ob Ärzte oder nicht) es nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren könnten, jemandem beim Sterben zu helfen. Das ist eine Gewissensentscheidung, wie sie persünlicher kaum sein kann und selbstverständlich ist diese Entscheidung zu respektiern.

Suizid ist aus guten Gründen legal: jeder hat das Recht seinem Leben dann ein Ende zu setzen, wenn er es für richtig hält. Denn das Leben gehört nur dem, der lebt allein. Beratung und Hilfestellung bei einer legalen Tätigkeit sollte nicht verboten sein. Das ist absurd.

Im Übrigen hat eine Umfrage des Stern aus dem Jahr 2005 ergeben, dass 74% der Deutschen Sterbehilfe befürworten. Wäre Deutschland demokratisch hätten wir also schon längst legale Sterbehilfe. So allerdings sieht die Sprecherin des Justizministerium "keinen Handlungsbedarf"